Was ist Neurodivergenz?

Was ist Neurodivergenz?

Neurodivergenz bedeutet "neurobiologische Abweichung von der Norm". Im Klartext: es gibt eine große Masse an Menschen, die neurobiologisch sehr ähnlich gestrickt sind und die damit ähnlich "ticken". Das ist die "Norm". Sie nehmen die Welt ähnlich wahr, verarbeiten Reize und Erlebnisse ähnlich, reagieren ähnlich - diese Ähnlichkeiten bestehen trotz aller Unterschiedlichkeit und Individualität, die wir Menschen haben. Diese große Menge an ähnlich tickenden Menschen nennen wir "neurotypisch" (oder auch - um diesen oft verwendeten Begriff hier zu bemühen: "normal").

Und dann gibt es die "neurodivergenten" Menschen. Das sind z.B. Menschen mit Autismus, ADHS, Synästhesie, Hochbegabung oder Hochsensibilität. Diese Menschen sind neurobiologisch "anders", sie entsprechen nicht der "Norm", sind also nicht "norm-al". Sie nehmen anders wahr und verarbeiten Reize anders. Das führt dazu, dass sie sich anders fühlen, anders verhalten, anders reagieren.

Neurodivergenz ist also ein "Anders-Sein", das auf einer neurobiologischen Andersartigkeit beruht.

Hinweis: der Begriff "Neurodivergenz" ist relativ jung und in der Medizin noch nicht angekommen. Die Medizin spricht weiterhin von Störungen oder Krankheiten. Wir hier bei endlichichselbst.com sehen unsere eigenen Neurodivergenzen aber ganz und gar nicht als Krankheiten an. Wir sind anders als unsere Mitmenschen, ja - aber nicht krank oder gestört.

Neurodivergenz ist keine Krankheit oder Störung 

Dieses neurobiologische Anders-Sein ist zwar eine Abweichung von der "Norm" (also der breiten Masse), aber deshalb ist es noch lange keine Störung oder Krankheit. In unserer defizit-orientierten Gesellschaft wird leider vieles, was außerhalb des Gauß'schen Normbereichs liegt, als "defizitär, krankhaft, gestört" bezeichnet und als behandlungsbedürftig angesehen, anstatt es einfach wertfrei als "anders" zu bezeichnen. 

Es ist eher eine "Norm-Variante", wenn man diesen Begriff bemühen will.

"Norm-Variante" bedeutet, eine mögliche Variante aus der Vielzahl der möglichen Varianten, die alle als "normal" angesehen werden. 

Neurodivergenz ist also eine Art zu sein, ein Strickmuster, eine Konstitution oder Disposition. Wie auch immer man es nennen will. Es ist eine neurobiologische Veranlagung, die sich im Leben mehr oder weniger intensiv ausprägt.

Neurodivergenz ist nichts, was es zu behandeln oder wegzutherapieren gilt. Neurodivergenz ist eine Art zu sein und es gilt, diese zu verstehen, sie anzunehmen und damit umzugehen.

Neurodivergenz: Autismus - Leben in Kästchen

Ich selbst bin Autistin (neben einer Hochsensibilität und Hochbegabung) und sehe mich weder als krank noch als gestört an. Ich bin anders als meine Mitmenschen, das stimmt - aber deshalb nicht gestört.

Autismus ist nach dem Konzept der Neurodiversität keine Krankheit (das sieht die Medizin anders), sondern eine angeborene, tiefgreifende, umfassende Art, die Welt zu erleben. Wahrnehmung, Denken und Verhalten sind anders als bei den anderen Menschen. Die Medizin nennt es "Autismus-Spektrum-Störung". 

Häufige Merkmale sind:

  • sich selbst innerlich "anders" fühlen und von anderen als "anders oder komisch oder stark introvertiert" und als "unemotional, gefühllos, unempathisch, desinteressiert, hölzern oder kühl" wahrgenommen werden
  • vielfältige Schwierigkeiten in der Kommunikation und Interaktion und in sozialen Beziehungen und Kontexten
  • Neigung zum "Einsiedeln" und ein starkes Bedürfnis, sich in sich selbst zurückzuziehen
  • Über- oder Unterempfindlichkeit auf Sinnesreize, Hochsensibilität, Neigung zu Reizüberflutung
  • stark logisches oder sachorientiertes Denken
  • Probleme, den eigenen Körper oder die eigenen Gefühle zu spüren
  • Neigung zu Meltdown (emotionaler Zusammenbruch) oder Shutdown (verstummen und verschließen) bei Reiz-Overload
  • wenige, sehr gezielte Interessen und Beschäftigungen
  • hohes Bedürfnis nach Ordnung, Struktur, Routinen und Regeln und Stress bei Veränderungen
  • Unflexibel bei Planänderungen
  • ausgeprägte Ehrlichkeit und Direktheit

Neurodivergenz: ADHS - Energie trifft Spontanität

ADHS ist nach dem Konzept der Neurodiversität ebenfalls keine Krankheit, sondern - genauso wie Autismus - eine angeborene bestimmte Art, wahrzunehmen, zu denken, zu fühlen und zu handeln. Die Medizin nennt es "Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts)-Störung". Diese Veranlagung bringt bestimmte neurologisch bedingte Schwierigkeiten aber auch Stärken mit. 

Häufige Schwierigkeiten sind:

  • spontan-assoziatives Denken und Handeln, Neigung zu Ablenkbarkeit
  • Impulsivität und Neigung zu unüberlegtem Handeln
  • Reizoffenheit und Neigung zu Reizüberflutung
  • Probleme mit Aufmerksamkeit und Fokus (vor allem bei "langweiligen" Tätigkeiten), Neigung zum Verzetteln
  • Vergesslichkeit
  • Probleme mit Planung, Struktur und Organisation
  • Energieschwankungen, schwankende Leistungsfähigkeit und manchmal "Totalausfälle"
  • Probleme, das eigene Erregungslevel und die eigenen Stimmungen und Emotionen zu regulieren

Häufige Stärken sind:

  • Spontanität
  • Kreativität
  • Hilfsbereitschaft und Loyalität
  • Stehauf-Männchen-Qualitäten
  • Quer- und Out-of-the-Box-Denken
  • hohe Power und Energie
  • schnell und gut, "wenn es brennt"

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Was es bedeutet, als neurodivergenter Mensch zu leben

Als neurodivergenter Mensch zu leben bedeutet erst einmal, sich schon als Kind in der eigenen Familie und/oder im Umfeld irgendwie "anders" und "fremd" zu fühlen (es sei denn, in der Familie gibt es mehrere "anders gestrickte" Menschen, z.B. mit ADHS). Es bedeutet, chronisch das Gefühl zu haben, dass man anders ist, nicht verstanden wird, die anderen nicht versteht. Man merkt, dass man anders wahrnimmt, denkt, sich verhält und "tickt".

Meist bedeutet es auch, dass man vom Umfeld sehr oft hört, man solle "anders" sein, im Sinne von "normal", "wie die anderen eben auch". Man spürt, dass man nicht angenommen ist, vielleicht sogar, nicht gewollt, so wie man ist.

Es bedeutet meist schon sehr frühe Erfahrungen von Ablehnung und Ausgrenzung.

Das führt dazu, dass man kein Selbstwertgefühl entwickelt, kein Selbstvertrauen aufbaut.

Man versucht, "normal" zu sein. Man strengt sich an. Man passt sich an. Man versteckt sein wahres Wesen, man lernt, sich selbst abzulehnen und abzuwerten, für das, wie man ist.

Man lernt, zu "maskieren". Man verbiegt sich. Man gibt unglaublich viel Energie dafür aus, das Leben irgendwie "auf die Reihe zu bekommen". Man schaut immer, wie die anderen es machen und versucht, es nachzumachen. Man möchte so sehr angenommen werden, geliebt werden und dazu gehören.

Letztlich bedeutet es sehr oft, krank zu werden. Aber nicht an der eigenen Veranlagung zu erkranken (also an ADHS oder Autismus oder anderem), sondern man wird krank am Leben. Es entwickeln sich Depressionen, Ängste, Burnout, Süchte und alle möglichen chronischen Schmerzen und körperlichen Krankheiten.

"Als neurodivergenter Mensch erkrankt man nicht an seiner neurobiologischen Veranlagung, sondern man erkrankt am Leben, weil einem keiner erklärt, wie es geht, mit dieser Veranlagung zu leben."
Birgit Boekhoff

Als neurodivergenter Mensch zu leben bedeutet meist auch, sich irgendwann auf die Suche nach sich selbst zu machen, weil man schon früh den Kontakt zu sich selbst verloren hat und unter der ganzen Anstrengung des Verbiegens und Anpassens leidet. Es gilt, zu lernen, die eigene Konstitution zu verstehen, zu sich selbst zurückzufinden, sich selbst anzunehmen und dann sich sein Leben so zu bauen, dass es zu einem passt.

Es gilt, sich selbst zu finden, sich selbst "auszugraben" unter den ganzen Schichten von Schutz und Anpassung und dann zu lernen, man selbst zu sein.

Unsere Mission

Wir hier bei endlichichselbst.com kennen Neurodivergenz und das Anders-Sein, Anders-Wahrnehmen und Anders-Leben aus eigener Erfahrung – und wir sind auf dem Weg, immer mehr zu entdecken, wer wir eigentlich wirklich sind und wie wir uns selbst am besten leben können. Es ist ein spannender und sehr lohnender Weg, denn er führt in die Freiheit, in Leichtigkeit, Gesundheit und Glücklichsein. Dafür stehen wir als Beispiel und hoffen, andere mit unserer eigenen Geschichte zu inspirieren und Mut zu machen, sich selbst zu entdecken und endlich sie selbst zu sein.

Wie können Sie mehr Sie selbst werden?

Mit meiner Intuitiven Beratung spüre ich in Ihre Situation hinein und gebe Ihnen Hinweise, was Sie aktuell blockieren und wo Lösungen liegen könnten. 

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